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INITIUM AUF DEUTSCH

Das Ego überwinden, ohne die Persönlichkeit zu zerstören

Spirituelle Veränderung beseitigt Individualität nicht. Sie verändert, wie wir deren Kraft, Fähigkeiten und Verlangen einsetzen.

Ein falsches Überwinden des Egos

Es gibt eine Form spiritueller Unterwerfung, die wie ein Verzicht auf das Ego aussieht, tatsächlich aber ein Verzicht auf Verantwortung ist. Ein Mensch vertraut dem eigenen Urteilsvermögen nicht mehr, überlässt Entscheidungen einem Lehrer oder einer Gruppe und betrachtet jeden Zweifel als Hindernis. Nach außen wird er gehorsam. Sein Verlangen sucht jedoch weiterhin Sicherheit und Entlastung von der Last der Wahl.

Eine wirkliche Richtungsänderung verlangt eine wachsende Fähigkeit zu sehen. Die Persönlichkeit sollte ihre Grenzen, Reaktionen und Talente bewusster wahrnehmen, denn nur erkannte Eigenschaften lassen sich verantwortlich einsetzen. Was verdrängt wird, verschwindet nicht. Es wirkt außerhalb der Aufmerksamkeit weiter.

Individualität in Verbundenheit

Verbundenheit bedeutet nicht Gleichförmigkeit. Eine reife Gemeinschaft braucht unterschiedliche Funktionen, Temperamente und Perspektiven. Einheit betrifft die Richtung und die Verantwortung für das Ganze, nicht die Kopie einer einzigen Persönlichkeit. Ein Mensch überwindet die Verschlossenheit in sich selbst gerade dann, wenn er seine Eigenständigkeit einbringt, ohne zu verlangen, dass sie für alle zum Mittelpunkt wird.

Das Verlangen ist kein Feind

Verlangen ist das Material des Lebens. Ohne es gäbe es weder Bewegung noch Verbundenheit, schöpferisches Tun oder Erkennen. Das Problem besteht nicht darin, dass ein Mensch etwas will, sondern darin, dass er andere automatisch seiner eigenen Erfüllung unterordnet. Wer das Verlangen zu zerstören versucht, beseitigt auch die Energie, die Veränderung braucht.

Ein reiferer Weg bewahrt die Kraft des Verlangens und lernt zugleich, ihr eine andere Richtung zu geben. Ein Mensch soll nicht farblos werden. Er soll immer genauer erkennen, ob er seine Eigenschaften zur Vereinnahmung oder zur verantwortlichen Beteiligung an einem größeren Ganzen nutzt.

Viele Menschen fürchten, dass Arbeit am Ego den Verzicht auf die eigene Meinung, Bedürfnisse, Grenzen und Individualität bedeutet. Diese Angst ist verständlich, besonders wenn Spiritualität als Aufforderung zur Unterwerfung erscheint. Das Ego zu überwinden bedeutet jedoch nicht, die Person zu beseitigen. Es bedeutet, ihren Umgang mit den eigenen Eigenschaften zu verändern.

Ego und Persönlichkeit sind nicht dasselbe

Die Persönlichkeit umfasst Temperament, Fähigkeiten, Erinnerung, Denkstil, Empfindsamkeit, Handlungsweise und die unverwechselbare Geschichte eines Menschen. Ego bezeichnet dagegen die Richtung, in der diese Eigenschaften eingesetzt werden: die Welt der eigenen Erfüllung, Überlegenheit oder der Verteidigung des Selbstbildes unterzuordnen. Ein entschlossener Mensch kann seine Entschlossenheit zum Beherrschen anderer oder zum Schutz Schwächerer nutzen. Ein empfindsamer Mensch kann seine Empfindsamkeit zur Manipulation seines Umfelds oder zum aufmerksamen Erkennen von Bedürfnissen einsetzen. Dieselbe Eigenschaft ist also an sich weder spirituell noch egoistisch. Entscheidend ist die Richtung ihres Einsatzes.

Das Gefäß nicht zerstören

Der Versuch, die eigene Persönlichkeit zu zerstören, führt oft dazu, sich von Emotionen, Bedürfnissen und Grenzen abzuschneiden. Ein Mensch wirkt ruhig, sammelt innerlich aber Anspannung an. Er kann auch Verantwortung an einen Lehrer, eine Gruppe oder eine Ideologie abgeben. Das ist kein Überwinden des Egos, sondern ein Verlust an Urteilsvermögen. Reife Arbeit schwächt Fähigkeiten nicht. Im Gegenteil: Sie entwickelt sie und prüft zugleich die Absicht ihres Einsatzes. Wissen, Kraft, Charisma und Selbstdisziplin können dem Ego noch wirksamer dienen als Schwäche. Deshalb braucht es keine Beseitigung der Eigenschaften, sondern eine Veränderung ihrer Anwendung.

Eine Grenze ist kein Egoismus

Ein Nein kann egoistisch sein, wenn es bestrafen oder Überlegenheit zeigen soll. Es kann auch notwendig sein, wenn es Verantwortung, Gesundheit oder die Wahrheit einer Beziehung schützt. Ein Ja ist ebenso wenig automatisch Geben. Es kann aus Angst vor Ablehnung oder dem Verlangen entstehen, als guter Mensch zu gelten. Frage deshalb nicht nur: Gebe ich nach? Frage: Wozu dient mein Ja oder mein Nein? Sehe ich den anderen Menschen oder nur meine eigene Angst und mein eigenes Bild?

Übung: Eine Eigenschaft und zwei Arten, sie einzusetzen

Wähle eine starke Eigenschaft deiner Persönlichkeit. Notiere, wie du sie für die eigene Überlegenheit, Sicherheit oder Anerkennung nutzt. Notiere dann, wie dieselbe Eigenschaft dem Wohl einer Beziehung oder einer gemeinsamen Aufgabe dienen könnte. Versuche nicht, jemand anderes zu werden. Suche eine andere Richtung für den Einsatz dessen, was du schon bist.

Überwinden als Einbeziehen

Wie geht es weiter?

Was wir Ego nennen, wirkt auch durch persönliche und kollektive Inhalte, die wir nicht sofort bemerken.

Grundlage: polnische Originalfassung von INITIUM. Deutsche Fassung.

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