Zwei Handlungen können gleich aussehen und dennoch in unterschiedliche Richtungen führen. Den Unterschied macht die Absicht – das innere „Wofür“, mit dem wir eine Wahl treffen, in eine Beziehung gehen oder etwas schenken.
Die Absicht ersetzt das Handeln nicht. Sie macht sichtbar, welche Richtung das Handeln in uns stärkt.
Ziel und Absicht
Das Ziel beschreibt das Ergebnis: Was möchte ich erreichen? Die Absicht betrifft die Qualität unserer Beteiligung: Aus welcher inneren Haltung handle ich, und wozu soll mein Vorgehen dienen? Dasselbe Ziel lässt sich durch Kontrolle, Angst, Fürsorge oder Verantwortung erreichen – jedes Mal wird dabei eine andere Haltung gestärkt.
Du musst deine eigenen Motive jedoch nicht mit absoluter Gewissheit ergründen. Die Absicht lässt sich auch an wiederkehrenden Handlungsweisen und ihren Folgen erkennen. Die Aussage „Ich habe es gut gemeint“ ist wichtig. Sie beendet aber das Gespräch nicht, wenn die andere Person Druck erlebt, übergangen wird oder keine Wahl hat.
Vier Fragen vor dem Handeln
Ursprung: Was bewegt mich gerade: Angst, Fürsorge, das Bedürfnis nach Anerkennung, Eile?
Richtung: Was möchte ich durch diese Handlung stärken?
Beziehung: Berücksichtigt mein Vorgehen die Grenzen und die Eigenständigkeit der anderen Person?
Folgen: Was wird nach dieser Handlung wahrscheinlich geschehen – nicht nur heute, sondern im Laufe der Zeit auch in der Beziehung?
Die Absicht ist keine Rechtfertigung
Du kannst eine gute Absicht haben und ein ungeeignetes Vorgehen wählen. Du kannst auch schöne Worte benutzen, um die Kontrolle zurückzugewinnen. Deshalb lohnt es sich, nach einer Handlung zu drei Fragen zurückzukehren: Was wollte ich tun? Was habe ich tatsächlich getan? Welche Folgen sind entstanden? Diese Korrektur ist keine Selbstanklage. Sie ist gelebte Verantwortung.
Wenn du helfen wolltest, die andere Person aber das Gefühl hatte, dass du ihr etwas aus der Hand genommen hast, musst du deine Fürsorge nicht leugnen. Du kannst fragen, wie du beim nächsten Mal helfen kannst, ohne ihr die Möglichkeit zu nehmen, selbst Einfluss auszuüben. So wird die Absicht lebendig: Sie öffnet dich für Korrektur, statt dein Selbstbild zu verteidigen.
Übung: Eine Handlung, zwei Absichten
Wähle eine Handlung, die du heute vorhast: eine Nachricht, eine Bitte, eine Ablehnung, Hilfe oder eine berufliche Entscheidung. Schreibe zwei mögliche Absichten auf, mit denen du sie ausführen könntest. Wähle dann diejenige, die Ergebnis, Beziehung und den Menschen, zu dem du werden möchtest, besser miteinander in Einklang bringt.
Ergänze zum Schluss einen Satz zur Überprüfung: „Nach dieser Handlung werde ich erkennen, ob meine Richtung mit meiner Absicht übereinstimmte, wenn …“ So bleibt die Absicht keine bloße Erklärung, sondern verbindet sich mit der Beobachtung der Folgen.
Wichtig
Eine gute Erklärung garantiert keine gute Absicht. Ihre Richtung zeigt sich im Vorgehen, in der Bereitschaft zur Korrektur und in wiederkehrenden Folgen.
Die Absicht zeigt sich auch im Umgang mit Erfolg
Ein junger Fotograf erhält Lob für eine Fotoserie. Er kann es als Bestätigung dafür nehmen, dass er keine Rückmeldungen mehr braucht. Er kann auch fragen, was die Betrachter an seiner Arbeit tatsächlich berührt hat und was er weiterentwickeln möchte. Gute Erfahrungen zeigen ebenso wie schwierige, wie wir mit dem Einfluss umgehen, den wir erhalten.
Wenn wir die Absicht nur nach Fehlern untersuchen, machen wir sie leicht zu einem Werkzeug der Selbstkritik. Es lohnt sich, auch Erleichterung, Anerkennung und die Möglichkeit zu beobachten, anderen gegenüber im Vorteil zu sein. Was geschieht, wenn dir zugehört wird? Hast du dann mehr Raum für andere, oder musst du im Mittelpunkt des Gesprächs bleiben?
Die Absicht reift durch Korrektur
Du musst nicht auf vollkommen reine Motive warten, um etwas Gutes zu tun. Du kannst helfen und zugleich geschätzt werden wollen. Entscheidend ist, ob du eine unerfüllte Erwartung nicht auf den Empfänger abwälzt und Rückmeldungen über die Folgen annehmen kannst.
Schreibe beim nächsten positiven Ergebnis auf: Was habe ich erhalten? Wie möchte ich es nutzen? Wen berücksichtigt mein nächster Schritt? Der Fotograf kann seinen Mitarbeitenden den ihnen zustehenden Anteil an der Anerkennung geben und das Interesse an seiner Arbeit nutzen, um weiterzulernen. Das ist konkreter als die Versicherung, der Erfolg habe ihn nicht verändert.
Diese Beobachtung verbindet Selbsterkenntnis mit der spirituellen Frage nach der Richtung des Empfangens. Vertiefen kannst du sie in „Die Absicht ändern – wo beginnt der spirituelle Weg wirklich?“.